Gedenkstunde aus Anlass des 76. Jahrestages der Luftschlacht über dem Seulingswald

29.09.2020

"I have a dream" - Nie wieder Krieg!

Gedenkfeier im Seulingswald bei Ludwigsau-Friedlos anlässlich der verheerenden Luftschlacht am 27. September 1944 zwischen US-amerikanischen Bombern und deutschen Jagdfliegern im Zweiten Weltkrieg am Mahnmal für die gefallenen Flieger.

Musikalisch umrahmt wurde die kurze Gedenkfeier von Trompeter Leander Heise mit einigen Trompetensolos und der anschließenden Begrüßung aller Anwesenden durch den Vorsitzenden der Ludwigsauer Gemeindevertretung, Peter Schütrumpf. Besonders begrüßte er den SPD MdL Torsten Warnecke, die Erste Kreisbeigeordnete Elke Künholz, Ehrenbürgermeister Thomas Baumann, den ehemaligen Bundestagsabgeordneten Berthold Wittich, zum letzten Mal bei einer Gedenkfeier Pfarrer Jörg Scheer, der in eine Pfarrstelle nach Fulda wechselt und eine Abordnung der Reservistenkameradschaft der Bundeswehr.

Ansprache Bürgermeister Wilfried Hagemann
Die Führungsmaschine des US-Bombergeschwaders wurde vor genau 76 Jahren um 11.00 Uhr hier über dem Seulingswald abgeschossen und stürzte genau an dieser Stelle ab, wo heute die Gedenkstätte an dieses katastrophale Ereignis erinnert.

„In der heutigen Zeit ist es nicht selbstverständlich, dass man sich der Vergangenheit erinnert.

Das gemeinsame Miteinander, die Achtung und die tragenden Säulen unserer Demokratie werden immer weniger geschätzt und gewürdigt. Die Achtung vor dem staatlichen Aufbau und dessen Organisationen widerfährt immer weniger Akzeptanz.

Die heutige Gedenkfeier steht daher nicht nur unter dem Zeichen des Gedenkens und der Erinnerung an die Vergangenheit, sondern auch als zukünftige Mahnung und Versöhnung.

Unsere amerikanischen Freunde können wir in diesem Jahr wegen der weltweiten Pandemie leider nicht begrüßen. Das Covid-19 Virus zwingt auch uns, bei dieser Gedenkfeier die Hygienevorschriften einzuhalten."

 

Die Luftschlacht vor 76 Jahren
Es jährt sich zum 76. Male das Gedenken an eine der dramatischsten Luftschlachten des Zweiten Weltkriegs, welche am 27. September 1944 im Raum zwischen Bad Hersfeld und Eisenach stattfand. Von den 35 Flugzeugen gingen 31 verloren. Der ganze Bomberpulk wäre zum Opfer gefallen, wären nicht in letzter Minute herbei gefunkte US-Begleitjäger zur Hilfe gekommen. 118 Amerikaner starben, darunter waren 11 Piloten, die nach ihrer Fallschirmlandung ermordet wurden. 121 überlebten in deutscher Kriegsgefangenschaft. Es waren die höchsten Verluste, die eine US-Bombergruppe bei einem Einsatz je erlitt.

Auf deutscher Seite gingen 29 Jagdflugzeuge verloren. 18 Piloten fanden den Tod. Sieben weitere unbekannte Tote forderte der Absturz einer deutschen Maschine auf ein Lazarett.

30 Jahre ist es nun her, dass diese Gedenkstätte mit Mitteln des damaligen Bundeskanzlers Dr. Helmut Kohl, der Hessischen Landesregierung und während der Amtszeit des Ministerpräsidenten Hans Eichel, des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge e.V., Spenden von privater Seite aus der Bundesrepublik Deutschland sowie aus den USA, mit Unterstützung der Gemeinde Ludwigsau und der Hessischen Forstverwaltung, in der Nähe der Absturzstelle der Führungsmaschine errichtet wurde.

Mahnende und besorgte Worte von Bürgermeister Hagemann
„Gefühlt ist die Gesellschaft aggressiver geworden. Eine Gesellschaft, die sich selbst beschleunigt und im Desaster enden wird. Bestimmte Formen des Auftretens, des Verhaltens im Alltag, die lange Zeit als unproblematisch galten, werden mittlerweile als aggressives Verhalten gebrandmarkt, weil sich das Verhältnis von Gesellschaften grundsätzlich geändert hat. In den letzten zehn Jahren ist die Anzahl der demokratischen Staaten weltweit erschreckend schnell zurückgegangen. Erleben wir gerade eine Zeit, die uns die Fesseln des Innehaltens, der Besonnenheit, der Vorsicht auferlegt, das Ende der liberalen Demokratie? Warum erfolgt die Zuwendung von immer mehr Menschen hin zu antidemokratischen Strömungen? Die Fliegergedenkstätte hier im Seulingswald ist ein Ort der Erinnerung, des erhobenen Fingers unseres gesellschaftlichen staatlichen Miteinanders, dass es in einem vereinten Europa, in einem gemeinschaftlichen Weltgebilde, nie wieder geben sollte.

Wir blicken zurück und wissen diese Ereignisse voller Demut zu würdigen.

Wir blicken aber auch nach vorn und sehen die Irritationen des gemeinsamen Miteinanders in Europa und auf der Welt. Wir alle sind gefordert, Politik und Gesellschaft, unser Zusammenleben zu ordnen.

In diesem Sinne, lassen Sie uns heute an diesem Ort, die Bitte und auch die Hoffnung aussprechen, dass wir nur gemeinschaftlich die größte Krise der Nachkriegsgeschichte Hand in Hand angehen und bewältigen können. Zum Wohle unserer kommenden Generationen, um diesen eine liebens- und lebenswerte Zukunft zu eröffnen.

Nur gemeinsam können wir diese sich vor uns auftürmende Jahrhundertaufgabe bewältigen.

Wir gedenken Walter Hassenpflug, der am 26. Februar 2017 verstorben ist. Walter Hassenpflug, der Initiator dieser Fliegergedenkstätte, hat dieses Mahnmal aufgebaut, initiiert und gepflegt. Seine persönlichen Schicksalsschläge haben diesen Ort zu seinem Lebenswerk gemacht. Er hat jedes Jahr Monate vor diesem Termin detailliert geplant, instruiert und umgesetzt. Wir verneigen uns vor Deinem Lebenswerk lieber Walter!"

Ansprache Erste Kreisbeigeordnete Elke Künholz
Elke Künholz forderte alle zum Innehalten auf, um an das Geschehene zu gedenken, dass ein solch schreckliches Ereignis sich nicht wiederholen möge.

„Wir können uns alle nicht vorstellen, wie es im Jahr 1944 aussah, aber wir erleben zurzeit leider ähnliche Gräueltaten auf den Kontinenten unserer Erde. In Syrien, Nigeria, Venezuela, Somalia oder Südsudan, um nur einige zu nennen, finden weiterhin Kriege statt, die viel Leid und Tod über die Menschen bringen. Man sollte meinen, die Menschheit ist mittlerweile zur Vernunft gekommen, dem ist aber leider nicht so."

Elke Künholz erinnerte an Matin Luther King, der keine 20 Jahre nach dieser verheerenden Luftschlacht über dem Seulingswald in einer Rede die bemerkenswerten Worte sagte

„I have a dream“ (Ich habe einen Traum).

„Und heute hat die USA einen Präsidenten, der offensichtlich ein nicht übliches Vergnügen daran findet, die Gesellschaft in seinem Land zu spalten und einen Bürgerkrieg heraufzubeschwören. Er ist dabei getrieben vom Egoismus, erneut als Präsident gewählt zu werden.

Wir müssen nicht nur in die USA blicken, wir haben auch in der EU ein Problem, weil die Mitgliedsstaaten angesichts des Leids und Elends von Flüchtlingen sich nicht auf eine gemeinsame Lösung einigen können. In Deutschland missbrauchen Verschwörungstheoretiker die Corona-Pandemie oft für ihre rechtsradikalen Zwecke und stellen die Demokratie in Frage. Auch ich habe einen Traum, dass eines Tages weder die Hautfarbe noch der Glaube, die Herkunft, welchen Geschlechts wir sind oder wen wir lieben eine Rolle spielen darf und wir alle gemeinsam am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können, „I have a dream“.

"Auch daran soll uns dieser Tag heute und das Gedenken hier erinnern", so die abschließenden und mahnenden Worte von Elke Künholz.

Trompeter Leander Heise

Der Vorsitzende der Gemeindevertretung Peter Schütrumpf bei seiner Begrüßung.

Bürgermeister Wilfried Hagemann hält seine Ansprache.

Erste Kreisbeigeordnete Elke Künholz bei ihrer Ansprache.

Zum letzten Mal hielt er die Andacht. Pfarrer Jörg Scheer verlässt Ludwigsau.

Die Reservisten mit den Gästen
(von links) Bürgermeister Wilfried Hagemann, Ehrenbürgermeister Thomas Baumann,
Erste Kreisbeigeordnete Elke Künholz, Pfarrer Jörg Scheer, Wolfgang Weber,
Vorsitzender der Gemeindevertretung Peter Schütrumpf und SPD MdL Torsten Warnecke.

Ehemaliger Starfighterpilot und Buchautor Erwin Willing, Bürgermeister Wilfried Hagemann
und Ehrenbürgermeister Thomas Baumann